Umfrageauswertung · März 2026

Wer hilft und wie?
Initiativen und Referenden unterzeichnen

Seit Oktober 2025 gilt: Wer beim Ausfüllen eines Unterschriftenbogens Hilfe erhalten hat, weil etwa eine Assistenzperson Name und Adresse eingetragen hat, dessen Unterschrift wird für ungültig erklärt. Auch dann, wenn die Person selbst unterschrieben hat. Betroffen sind vor allem ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Dem Bundesrat lagen bis heute keine Daten zu dieser Praxis vor. Die Umfrage der Stiftung für direkte Demokratie will diese Lücke schliessen.

Kernzahlen auf einen Blick

Die wichtigsten Befunde der Umfrage zusammengefasst.

1'029
Teilnehmende gesamt
446
Personen mit Hilfserfahrung
82.3%
Selbstbetroffene kannten neue BK-Weisung nicht
95.1%
Person unterschreibt selbst
Wichtigster Befund In 95% der Fälle bringt eine Person, die Unterstützung beim Ausfüllen erhält, ihren Willen durch eigenhändige Unterschrift zum Ausdruck. Mit der verschärften Bescheinigungspraxis gilt diese Unterschrift seit Oktober 2025 als ungültig.

Haben Sie beim Unterzeichnen Hilfe geleistet oder erhalten?

43.3% der Befragten haben beim Unterzeichnen von Volksinitiativen oder Referenden Assistenz geleistet oder erhalten. Für die meisten war das keine Ausnahme – fast 8 von 10 haben es mehrmals oder regelmässig getan.

Antwortverteilung
Daten als Tabelle anzeigen
AntwortAnzahlAnteil
Nein58356.7%
Ja, ich habe geholfen36735.7%
Ja, beides414.0%
Ja, selbst Hilfe erhalten383.7%
Total1'029100%
Häufigkeit der Hilfeleistung
Unter jenen mit Hilfserfahrung (n=446)
Daten als Tabelle anzeigen
HäufigkeitAnzahlAnteil
Mehrmals26860.1%
Regelmässig7917.7%
Einmalig5813.0%
Weiss ich nicht mehr419.2%
Befund Nicht Ausnahme, sondern Alltag: Fast 8 von 10 Personen mit Hilfserfahrung haben mehrmals oder regelmässig geholfen.

Art und Grund der Assistenz

Die häufigsten Gründe für Assistenzbedarf: Lese- und Schreibschwierigkeiten (37.9%), Sehprobleme (34.3%) und körperliche Einschränkungen beim Schreiben wie Zittern oder Lähmung (33.9%). Es geht um Menschen, die ihren politischen Willen haben – aber Hilfe brauchen, ihn aufs Papier zu bringen.

Wobei wurde geholfen?
n=446, Mehrfachantworten
  • Formular lesen / erklären62.8%
  • Zeigen, wo einzutragen ist60.3%
  • Name / Adresse eintragen54.5%
Rechtlich relevant In mehr als der Hälfte der Fälle wurden Name und Adresse eingetragen – genau das ist die Handlung, die seit Oktober 2025 die Unterschrift ungültig macht.
Daten als Tabelle anzeigen
Art der HilfeNennungenAnteil
Formular lesen, vorlesen oder erklären28062.8%
Zeigen, wo was einzutragen ist26960.3%
Name, Adresse oder Geburtsdatum eintragen24354.5%
Grund für den Assistenzbedarf
Alle Befragten mit Erfahrung, n=446
Daten als Tabelle anzeigen
GrundNennungenAnteil
Lese-/Schreibschwierigkeiten16937.9%
Sehprobleme15334.3%
Körperl. Einschränkung (Zittern, Lähmung)15133.8%
Vorübergehende Einschränkung8418.8%
Deutsch nicht Muttersprache7316.4%
Gründe im Vergleich: Assistenzpersonen vs. Selbstbetroffene
Mehrfachantworten möglich
Grund Assistenzpersonen (n=408) Selbstbetroffene (n=79)
Lese-/Schreibschwierigkeiten39.7%31.6%
Körperl. Einschränkung34.6%27.8%
Sehprobleme33.6%35.4%
Vorübergehende Einschränkung18.4%29.1%
Deutsch nicht Muttersprache17.6%13.9%
Hinweis Wer selbst Assistenz braucht, ist nicht zwingend dauerhaft eingeschränkt: Fast jede dritte betroffene Person nennt eine vorübergehende Einschränkung – etwa durch Verletzung oder Krankheit. Die neue Regelung betrifft damit weit mehr Menschen als nur jene mit chronischen Beeinträchtigungen oder Behinderungen.

Wer hat unterzeichnet?

Auch wenn jemand beim Ausfüllen des Bogens Hilfe braucht: In 95.1% der Fälle setzt die unterstützte Person die Unterschrift selbst. Die Assistenz ersetzt den Willen nicht – sie ermöglicht ihn.

Wer unterzeichnete?
Daten als Tabelle anzeigen
AntwortAnzahlAnteil
Unterstützte Person selbst42495.1%
Beides kam vor132.9%
Weiss nicht71.6%
Helfende Person unterzeichnet20.4%
Total446100%
Verhältnis zwischen den Beteiligten
Mehrfachantworten möglich
Daten als Tabelle anzeigen
VerhältnisNennungenAnteil
Partner:in / Familienmitglied27962.6%
Freund:in / Bekannte:r13430.0%
Nachbar:in6414.3%
Beruflich (Spitex, Pflege)4911.0%
Befund Assistenz beim Unterzeichnen ist Vertrauenssache: In fast zwei Dritteln der Fälle hilft ein Familienmitglied oder Partner:in. Die verschärften Bestimmungen betreffen damit alltägliche Assistenzleistungen im engsten sozialen Umfeld.

Kenntnis der neuen BK-Weisung

Wer beim Ausfüllen Hilfe benötigt, gilt seit Oktober 2025 als «schreibunfähig» und darf nicht mehr selbst unterzeichnen. Wissen die Selbstbetroffenen und Assistenzpersonen davon?

Alle mit Hilfserfahrung (n=446)
Daten als Tabelle anzeigen
AntwortAnzahlAnteil
Nein, wusste ich nicht32071.7%
Ja, das wusste ich10523.5%
Bin nicht sicher214.7%
Total446100%
Kenntnis nach Gruppe
Anteil «Wusste es nicht»
  • Selbstbetroffene (n=79)82.3%
  • Assistenzpersonen (n=408)70.6%
  • Alle mit Erfahrung (n=446)71.7%
Vollständige Daten anzeigen
GruppeWusste es nichtWusste esUnsicher
Assistenzpersonen (n=408)70.6%24.3%5.1%
Selbstbetroffene (n=79)82.3%12.7%5.1%
Alle mit Erfahrung (n=446)71.7%23.5%4.7%

Hilfserfahrung nach Altersgruppe

Wer ist am häufigsten aktiv – als Helfende oder als Unterstützte?

Altersgruppe × Rolle (gestapelt, 100%)
Daten als Tabelle anzeigen
Altersgruppe n Geholfen Beides Hilfe erhalten Nein
unter 251315.4%0.0%15.4%69.2%
25–399630.2%7.3%3.1%59.4%
40–5923338.6%5.2%3.0%53.2%
60–7441540.2%3.4%2.7%53.7%
75+26628.2%3.0%5.6%63.2%
Befund Wer hilft, ist meist selbst älter: 40.2% der 60–74-Jährigen haben geholfen – die aktivste Altersgruppe. Bei den über 75-Jährigen dreht sich das Verhältnis – sie brauchen zunehmend selbst Unterstützung.

Vorstoss im Ständerat

Die Umfragedaten liefern erste Zahlen und Einschätzungen zur Motion von Ständerätin Binder-Keller zur verhältnismässigen Stimmrechtsbescheinigung.

Motion 25.4789

Der Bundesrat wird beauftragt, die Weisungen zur Stimmrechtsbescheinigung zu überprüfen und anzupassen, damit die Bescheinigungspraxis verhältnismässig erfolgt und der eigenhändigen Willensäusserung der stimmberechtigten Personen angemessen Rechnung getragen wird.

SR Marianne Binder-Keller · Die Mitte · Eingereicht 19.12.2025 · Ständerat 12.03.2026

Hintergrund zur Umfrage

Methodik und Einschränkungen

Die Daten wurden zwischen dem 5. und 11. März 2026 in einer Online-Umfrage erhoben (n=1'029). Der Fragebogen umfasste mehrheitlich geschlossene Fragen, bei einzelnen Fragen waren Mehrfachantworten möglich. Die Stichprobe ist nicht-probabilistisch: Die Umfrage richtete sich über Newsletter und Social Media vorwiegend an Personen, die Projekte auf WeCollect unterstützt haben – darunter die Inklusions-Initiative. Die Ergebnisse sind damit nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Da WeCollect seine Community bereits mehrfach über die neue Bescheinigungspraxis informiert hat, ist diese Gruppe vermutlich besser informiert als die Allgemeinbevölkerung.

Zur Umfrage

Wer hilft und wie? Initiativen und Referenden unterzeichnen.

Formular ausfüllen →
Rohdaten

Der anonymisierte Datensatz (ohne persönliche Angaben) steht zur freien Nutzung bereit. Er enthält alle 1'029 Antworten mit 15 Inhaltsspalten.

↓ Datensatz herunterladen (csv)